24. September 2015

Jugoslawien auf dem Festival für aktuelle Dokumentarfotografie in München!






Das Dokumentarfestival fotodoks findet seit 2008 in München statt.


Dieses Jahr ist ein Land das Partnerland, das es schon längst nicht mehr gibt.

Ab heute können wir alle auf dem Festival im Rahmen der Ausstellung „Fiery Greetings“ Bilder aus vergangenen Zeiten betrachten und in unseren eigenen Erinnerungen schwelgen.

Die Ausstellung könnt ihr noch bis zum 13. Dezember 2015 besuchen.

Eine Zusammenfassung von der Halle Lothringer13, wo die Ausstellung zu sehen ist:

Die Ausstellung Fiery Greetings zeichnet ein neues Bild des sozialistischen Jugoslawien, in dem die Kindheit und das Aufwachsen im Vordergrund stehen. Neun Künstler aus der Region arbeiteten mit historischen Archiven und formulieren einen Dialog zwischen künstlerischer Intervention und staatlichem Dokument. Fiery Greetings fragt nach der Möglichkeit einer kollektiven und individuellen Erinnerung an ein Land, das so nicht mehr existiert.
Der Ausgangspunkt des Projekts sind zahlreiche Fotoalben, die Präsident Tito von jugoslawischen Schulen und Kinderorganisationen ab 1945 bis zu seinem Tod im Jahr 1980 in Empfang nahm. Aus diesen Geschenken stammt auch der titelgebende flammende Gruss, die Fiery Greetings. In vielschichtiger Weise wird sichtbar, wie die Bevölkerung sich ihrem Präsidenten darbot und die Gründungsprinzipien des föderativen Jugoslawien im täglichen Leben der sozialistischen Hoffnungsträger, der Jugend, umgesetzt wurden.
Die Ausstellung findet zum Anlass des diesjährigen Fotodoks Festival statt, das vom 13. bis 18. Oktober stattfindet und als Partnerregion das ehemalige Jugoslawien wählte. www.fotodoks.de

Ein Projekt von Kiosk Belgrad und dem Museum der Geschichte Jugoslawiens in Kooperation mit der Lothringer13 Halle
Kuratiert von Ana Adamović, in Zusammenarbeit mit Jörg Koopmann und Dana Weschke


Links:
Ausstellung fiery greetings
www.anaadamovic.com

1. Juni 2015

Human after all – Danke an die SDL Foundation und Help e. V.



Nach knapp einem Jahr Arbeit ist es an der Zeit, euch vorzustellen, was ich mit „Bosnien-Projekt“ meine. Es fielen immer wieder die Begriffe „Spenden sammeln“ und „Help e. V.“, daher möchte ich heute erklären, um was genau es sich handelt.
Nun, wie vielleicht bekannt, bin ich in einem größeren Unternehmen als Übersetzerin für Medizin/Chemie/Medizintechnik tätig. Die Firma heißt SDL plc, hat ihren Sitz in England und verfügt über eine eigene firmeninterne Wohltätigkeitsorganisation, die sich SDL Foundation nennt. Weltweit werden verschiedene Projekte unterstützt und Fördergelder in hohen Summen ausgezahlt. Ganz unten seht ihr einen Überblick über aktuelle Projekte, da ist jetzt Bosnien noch nicht aufgeführt.
Als der Balkan letztes Jahr so zerstörerisch von der Flut getroffen wurde, hatte ich das Bedürfnis, etwas zu tun und zog Hilfe über die Foundation in Betracht. Leider hilft diese aber nicht bei Naturkatastrophen, sondern sie zielt darauf ab, den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, sodass sie irgendwann wieder auf eigenen Beinen stehen können.
Nach einiger Suche bin ich schließlich bei Help e. V. gelandet, die schon seit langem in Bosnien tätig sind. Das Projekt, das nach Monaten schließlich genehmigt wurde, hilft Bosniern dabei, ihr Unternehmen nach der Flut wieder aufzubauen oder überhaupt ein Unternehmen von Grund auf neu zu gründen, sodass die betreffenden Familien nicht von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Nach kurzer Zeit hat die Investition ausgezahlt und die Unternehmen können eventuell sogar Mitarbeiter einstellen und Steuern an die Gemeinde zahlen, die dadurch auch profitiert.
Der gesamte Ablauf ist kontrolliert und transparent, es können keine Gelder verschwinden.
Für alles werden Rechnungen und Unterlagen vorgelegt, zudem werden die Familien von lokalen Help-Mitarbeitern vor Ort betreut. Es entstehen Kostenpläne, Zwischen- und Jahresberichte, Fotos und Kontakte – alles wird offengelegt.

Warum Bosnien? Es waren auch andere Länder betroffen.

Ich musste mich für ein Land entscheiden, ich habe das genommen, in dem alle drei Ethnien vorkommen. Das tun sie in anderen Ländern auch, ich weiß. Die Hilfe sollte aber unabhängig von religiöser und politischer Überzeugung erfolgen. Hätte ich mich für Kroatien oder Serbien entschieden, hätte ich befürchtet, dass nur eine Gruppe wirklich profitiert.
Bosnien ist leider auch das Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit und dem geringsten durchschnittlichen per capita-Einkommen. Daher fiel die Wahl auf mein Heimatland.

Welche Summe hat die SDL Foundation zur Verfügung gestellt?
Mit allem Drum und Dran mittlerweile 14.000 Eur.

Welche Familien haben das Geld über Help e. V. erhalten?

Die Summe wurde auf drei Familien verteilt und Help e. V. hat den Betrag aus anderen Quellen noch aufgestockt. Aus einem Pool von über 1.000 Familien stelle ich euch unsere drei vor.

1.    Firma „Vamin-Co“ bei Doboj

 

Das Unternehmen stellt seit 1998 Kartonverpackungen her. Während der Flut entstand ein hoher materieller Schaden, der dank Help e. V behoben werden konnte. Familie Zekic hatte einen Mitarbeiter und konnte mit der finanziellen Hilfe einen weiteren Arbeiter einstellen und der Unternehmenschließung entgehen.
Vom Geld wurde eine neue Kartonverpackungs-Maschine gekauft.


2.    Firma „Premio Arifagic“ in Maglaj


Vor der Flut hatte die Autowerkstatt vier Mitarbeiter. Der Wasserschaden belief sich 2014 auf knapp 40.000 Eur. Mit Help-Mitteln wurde eine neue Radwuchtungs-Maschine angeschafft, mit der auch LKW bedient werden können und es musste niemand entlassen werden.



3.    Fleisch- und Eierproduktionsunternehmen Marko Grgic in Odžak


Die Firma ist ein reiner Familienbetrieb mit drei Mitarbeitern. Die Familie besitzt 25 Ha Land und mietet 5 Ha dazu, um Mais, Weizen und Gerste anzubauen.
Vor der Flut besaß Marko 350 Schweine und 5.300 Hennen. Nach der Flut waren nur noch sieben Schweine am Leben. Alle Felder konnte nicht mehr für den Anbau genutzt werden. Somit fehlten nicht nur die Tiere, sondern auch das später erforderliche Viehfutter. Help und die SDL Foundation haben Marko dabei geholfen, sein Unternehmen wieder auf die Beine zu stellen. Er erhielt Gutscheine, mit denen er in Landwirtschaftsbetrieben alles Nötige kaufen konnte. Zudem wurde sein Familienhaus erneuert, das es nach der Flut nicht bewohnbar war.




Eine Bedingung für die Bewilligung einer höheren Spende ist, dass SDL-Mitarbeiter sich weiterhin am Spendensammeln für ihr eigenes Projekt beteiligen. Zusammen mit anderen Kolleginnen, die sich für ein Waisenhaus in Thailand engagieren, veranstalten wir intern immer wieder Aktionen, bei denen Spenden anfallen. Mal backen wir Weihnachtsplätzchen und verkaufen Sie im Büro, mal ist es Kuchen. Essen kommt auf jeden Fall immer gut an, nur leider kommen da nicht wirklich höhere Summen zu Stande.
Daher auch mein Appell: falls euch Ideen einfallen, wie man etwas mehr einnehmen könnte, dann bringt sie bitte vor. Unser CEO Mark Lancaster radelte gerade von England nach Barcelona. Er ist mittlerweile dort angekommen und er konnte über £12.000 an Spenden sammeln!

https://www.justgiving.com/Mark-LancasterSDL/
Ich fürchte, ich bin außer Puste, wenn ich zur Arbeit radle, und ich denke es wäre schön, die Diaspora irgendwie zu integrieren und auch außerhalb des Büros zu sammeln, um Help weiterhin unterstützen zu können, denn dass es geht, haben wir alle gesehen.

Wir könnten Konzerte veranstalten, Lesungen, Balkanessen, Glücksspiele ... was auch immer. Es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der Musiker ist, der auftreten könnten, der Autor ist, der Sportler ist, der Ex-Yu-Filme im Kino zeigen könnte etc, der einen Kolo-Flashmob organisieren könnte. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Die SDL Foundation hat auch gerade ihren fünften Geburtstag gefeiert. Auf diesem Wege möchte ich mich noch einmal bei ihr bedanken und bei allen, die an den Projekten mitarbeiten und ihre Zeit, ihre Ideen und auch ihr Geld investieren. Wenn ich sehe, was zum Beispiel aus den HIV-positiven Aids-Waisen in Thailand geworden ist, dann erfüllt es mich mit Stolz, dass es Menschen gibt, die andere nicht vergessen. Denn we´re all human after all …

Links:
Unterstützte Projekte:

(Bosnien noch nicht aufgenommen)











15. April 2015

Eine Zigenuer-Recycling-Tragik-Komödie


“The most copied documentary on the Balkan black market”
- Croatian 'Nacional' weekly

- Gezeigt auf über 100 Festivals, mehrfach preisgekröntKonstant schwanke ich zwischen amüsiertem Lächeln und Betroffeneheit.

„Bio mi majka u Podgoricu, sta se udavio na brodu. Umro, ne znam sta, bio sam u Podgoricu ...“ (Meine Mutter war in Podgorica auf einem Schiff und ertrank, ich weiß nicht genau, ich fuhr dann nach Podgorica ...)

So sprechen die Roma im Film „Pretty Dyana“ des serbischen Regisseurs Boris Mitic.

Erstens liegt Podgorica nicht direkt am Meer, zweitens bleibt ungeklärt, wieso die Mutter des Roma auf dem Schiff oder Boot ertrank und drittens stimmt es mit der serbischen Grammatik hinten und vorne nicht. Ich hätte mich den gesamten Abend amüsieren können, denn die lustige Art und Weise, wie Roma das Serbische biegen und brechen wirkt unweigerlich belustigend und geht leider bei der Untertitelung komplett verloren, nimmt dem Film viel von seiner Wirkung.

Ich hätte den ganzen Abend lachen können, wären da nicht Bilder, wie ein kleines Roma-Mädchen mit nur einem Rollschuh fährt, mit wilden Haaren, wäre da nicht ein Kind ohne Hose, ohne Schuhe, spielten die Kinder nicht auf einem Haufen Papiermüll und sähen sich weggeworfene Zeichnungen anderer Kinder an, weil sie selbst vielleicht nicht einmal Stifte besitzen.

Während ich mir die Low-Budget-Doku ansehe, deren Produktionskosten nur 60 Eur betrugen und die hinterher über 50.000 Eur eingespielt hat, schwanke ich wiederholt zwischen himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt. Jauchzend wegen der erwähnten lustigen Sprache und der skurrilen Situationen und betrübt, weil es der Film schafft, die Absurdität dieser Lebensweise, die Armut aber auch die Lebensfreude und den Humor der Roma einzufangen.

Der Film porträtiert eine Gruppe Roma, die am Rande Belgrads vom Müllsammeln lebt. Sie nutz dazu das Automodell  Dyane von Citroën, denn dieses lässt sich bis auf die Karosserie auseinandernehmen und zu einem Transportmittel umbauen, für das man keine Steuern mehr und keine Versicherung zahlen muss. Der hintere Teil wird als Ladefläche für Karton, Glas und Metall verwendet. Diesen Müll sammeln die Roma und fahren ihn zu Unternehmen, die ihnen je nach Material ein paar Dinar pro Kilo zahlen. Finden Sie nur Karton, verdienen sie 2 Euro am Tag. Ein Euro geht für Benzin drauf, einer bleibt zum Leben, vorausgesetzt die serbische Polizei hat einen guten Tag und hält die abenteuerlichen Gefährte nicht auf und verteilt Strafzettel wegen Fahrens ohne Führerschein oder weil normale Straßen mit diesem Gefährt gar nicht befahren werden dürfen.

So sind also auch die Romakinder, die in jungen Jahren schon am Steuer sitzen und arbeiten, immer auf der Hut vor der „murija“.

Das Paradoxe ist, dass es in Serbien kein offizielles Recycling gibt und die Roma also eigentlich einen wertvollen Beitrag leisten, dennoch leben sie in illegalen Siedlungen, bekommen Strafen aufgebrummt und landen dann auch schon einmal 30 Tage lang im Gefängnis, wenn sie die Strafen nicht bezahlen können. Und der serbische Staat denkt gar nicht daran, eine Mülltrennung einzuführen, den Müll der illegalen Deponien zu beseitigen oder die Roma einfach zu Recycling-Mitarbeitern mit festem Gehalt zu erklären.

Diese leben also in Bretterbuden abseits der Gesellaschaft in einer Art Ghetto ohne Strom und fließend Wasser.

„Znamo i mi da smeta, ali nemamo gdje.“
(Wir wissen auch, dass unsere Siedlung stört, aber wo sollen wir hin?)

Eines Tages muss die Siedlung nämlich weichen und mit ihr die Menschen.

 Bedrückt bin ich, wenn Adem mit überbordendem Stolz zeigt, dass er einen Zigarettenanzünder an seiner Dyana hat, dass er sein Handy über eine Autobatterie laden kann oder wenn ein anderer aus dem Gefängnis zurückkehrt und seine kleine Tochter ihn nicht wiederzuerkennen scheint.
Aber Boris Mitic konzenteriert sich nicht auf die Armut und das Negative. Sein Film sei einer der wenigen, den die Roma wirklich mögen im Gegensatz zu „Shutka, book of records“, in dem die größte Romasiedlung Europas in Skopje dargestellt wird.

Sie mögen den Film, weil er zeigt, dass Roma arbeiten, weil er zeigt, dass sie handwerklich begabt sind und immer noch lachen können, sie kommen zu Wort und dienen nicht nur als Witzfigur am Rande der Gesellschaft.

Bedrückt bin ich, wenn Adem sagt, er sei Musiker gewesen und er hätte für die Serben im Kosovo gekämpft, aber weder die Kosovo-Albaner, noch die Serben scheinen Wert auf die Roma zu legen.

In der anschließenden Diskussion, bei der der Regisseur Mitic anwesend ist, setzt sich dann der Humor wieder durch. Im Fragenteil fragt doch tatsächlich eine Deutsche: „Ich verstehe das nicht, haben die alle KFZ-Mechniker gelernt?“

Boris Mitic, der Jahre an der Seite der Roma verbracht hat und ihnen immer wieder in allen Lebenslagen geholfen hat, versucht uns, ihre Kultur und Denkweise näherzubringen.

„Ich habe die Kinder zum Schulunterricht gebracht, ich habe ihnen Schulsachen gekauft, damit sie ja auch hingehen. Ihnen Kleidung gekauft, Essensgeld gegeben, die Erwachsenen bei Eheproblemen zum Hodza gefahren und mir sogar ihre Sexualprobleme angehört. Ich habe komplett Verantwortung übernommen, vor allem für die Kinder und deren Schulbesuch. Eines Tages, ich war auf einem Dokumentarfilmfestival, rief mich ein Lehrer an und sagte: Ihre Kinder kommen nicht zur Schule! Ihre Kinder! Als ob es wirklich meine wären.“

Überhaupt sei es schwierig, die Roma zu integrieren, erzählt Mitic. Wir können nur schwer nachvollziehen, wie sie ticken. Von Selbstzerstörung mit Seele oder „Gypsy baroqueness“ ist die Rede, von einer Welt, zu der wir keinen Zugang haben, in der andere Regeln gelten.

Boris hatte alles getan, um seine Roma-Freunde zu überzeugen, wie wichtig Schule und Bildung sind, aber nachdem die Kinder zwei Wochen lang zur Schule gegangen waren, hatte eines davon einen bösen Traum und schlussfolgerte daraus, dass es besser sei, lieber nicht mehr in die Schule zu gehen. Alle anderen Kinder schlossen sich dem an und fortan war das Thema Schule ad acta gelegt.

Boris Versicherungen er werde Arbeit beschaffen, wurden mit dem Kommentar versehen: „Posao? Znas ti koliko je to odgovornost svaki dan posao?“ (Weißt du denn, wie viel Verantwortung das ist, jeden Tag arbeiten zu gehen?)

Verschiedene Intergrationsversuche auf kreativer Basis liefen auch ins Leere. Integrationsversuche im Rahmen der
International Romani Film Commission scheiterten, weil es zahlreiche Teilnehmer nicht schafften, einen 30 Sekunden langen Film zu drehen.

Soweit ich Mitic verstanden habe, muss man die Roma auch nicht gänzlich integrieren, sondern ihnen bessere Bedinungen verschaffen z. B. könnte das Müllsammeln erleichtert und fair bezahlt werden oder sie müssten feste Wohnsitze erhalten. Für die Romakinder gilt zwar auch eine Schulpflicht, aber da es niemanden kümmert, ob sie in die Schule gehen, wird dies bei ihnen auch nicht weiterverfolgt.

„Pervers“ und „Krank“ nennt Mitic hingegen die TV-Shows wie „My big fat gypsy wedding“ oder „Gypsy Sisters“. Wir machen die Sinti und Roma zu Klischee-Figuren und spielen Voyeure, die sich an einer auch noch überspitzten Absurdität ergötzen.

In Pretty Dyana dagegen sind die Roma keine Freaks, die sich in tonnenschwere Brautkleider werfen, die an eine explodierte Sahnetorte erinnern. Sie lieben ihre Dyana, die sie nie hergeben würden, immerhin fährt der Wagen 500 km am Tag. „Ich kann überall hin, was will ich mehr?“, so Adem.

„They have an amazing lack of admiration for material things.“, sagt der Regisseur. 
(Es ist erstaunlich, wie wenig Wert sie auf Materielles legen). „Und sie verlieren nie ihren Humor, nie. Selbst als sie Pretty Dyana zum ersten Mal sahen, haben sie über sich selbst gelacht, man muss sie lassen, wie sie sind.“

 Pretty Dyana auf Vimeo

Pretty Dyana bei Dribbling Pictures (inkl. Auseinander-Bauanleitung für Dyanas)

Knjiga rekorda Sutke 










23. März 2015

Ususkaj me



Ususkaj me tvojom ljubavi

kao jorganom mekim

pokrij me tvojim osmijehom 

njeznim i toplim

pomiluj me po glavi

i reci mi "mila"

kao onda kad sam mala bila

bez tebe je sve prazno i crno uzalud

dodji i uzmi ovu tugu

s`kojom nemam kud

ne boli me puno

dok ovo pisem

boli me samo dok zivim i disem

i ne bojim se vise dana

kada cu umrijeti

jer ja idem tamo

tamo gdje si ti

ususkati ces me tvojom ljubavi

kao sa jorganom mekim

pokrit ces me tvojim osmijehom 

njeznim i toplim 

nestati ce tuga

i suze nece padati

jer ne disem tamo

tamo gdje si ti

31. August 2014

Oggi, Fata und Sarajovo – hajde bona ne placi – samo nek je nose iz moje avlije – nisu svi ratni zlocinci

Sehr lange Zeit bin und war ich mit meiner eigenen Trauer beschäftigt und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich besonders bei der Dokumentation: Sarajevo my love still und leise Tränen verdrücke.

Noch immer beschäftigt mich mein Herkunftsland, aber ich hatte keine Kraft, mich mit der Thematik groß auseinanderzusetzen.

Heute habe ich drei Dokumentationen gesehen und jede davon verleiht mir einen Stich in das Herz, weil sie zeigen, wie viel in Bosnien vor allem noch im Argen liegt und wie tief die Wunden reichen.

In "Finding family" ist Ognjen Tomic, Fotograf und Filmemacher aus England, auf der Suche nach seiner Mutter, die ihn als Baby auf der Geburtsstation eines Krankenhauses bei Sarajevo zurücklässt, weil sie nicht verheiratet ist und weil ein uneheliches Kind eine "sramota" ist. Oggi wächst im moslemischen Teil Bosniens auf und hat später Probleme, sich als Serbe zu sehen.
Er lebt in verschiedenen Kinderheimen und muss sehen, wie er im Krieg zurecht kommt.

Berührend ist die Doku, weil Oggi so ein hartes Schicksal hinter sich hat, ohne ein Familienmitglied aufwächst und dennoch später als Erwachsener so eine Milde und Reife ausstrahlt.

Ich habe überlegt, ob ich seine Mutter unsympathisch finde, ob ich sie hassen würde oder ob ich Verständnis hätte. Reicht es aus, dass ein uneheliches Kind eine sramota ist, um es wegzugeben? Es sich selbst zu überlassen? Ich hätt mein Kind nie zurückgelassen, aber ich bin auch nicht in Jugoslawien im Jahr 1985 aufgewachsen und weiß nicht, wie es ist, dem Druck der Familie und des Dorfes standzuhalten.

Verzeiht Oggi ihr?

Auf der Suche nach meiner Familie

Im Film: "Das Haus, das Fata nicht gebaut hat" wird Fatas Kampf um ihr Land thematisiert. Fata Orlovic lebt in Konjevic Polje. Ihr Mann und andere Familienmitglieder wurden in Srebrenica hingerichtet. Als Fata in ihre Heimatstadt zurückkommt steht eine serbisch orthodoxe Kirche auf ihrem Land. Seit über 12 Jahren kämpft sie dafür, dass die Kirche verlegt wird, aber der Prozess gestaltet sich schwierig und man hat das Gefühl, dass der Geistliche Kacavenda auch kein Interesse daran hat, die Angelegenheit schnell zu klären.

Nun bin ich kein Jurist und Experte, aber der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass eine Kirche, eine Moschee oder eine Synagoge auf meinem Land nichts zu suchen hat, da es nun einmal mein Land ist, selbst wenn ich im Krieg enteignet wurde. Fata ist zurückgekehrt und wenn sie aus dem Fenster sieht, sieht sie eine Kirche, für deren Bau sie keine Erlaubnis erteilt hat.

Fata´s story

Letztlich hat mich aber die Doku "Sarajevo my love" am meisten bewegt.
Jetzt könnte man natürlich wieder argumentieren, die Videos stammen alle von Al Jazeera und natürlich sind sie alle antiserbisch gedreht und Unwarheiten werden dargestellt oder die Wahrheit wird verdreht, aber trotzdem denke ich nicht, dass Jovan Divjak ein Verräter ist.

Ich hatte diesen Namen schon gehört, mich aber nie weiter groß um ihn gekümmert.

Heute habe ich viel über ihn gelesen. Jovan Divjak ist in Serbien geboren und orthodox. Er kam nach Sarajevo, verliebte sich in die Stadt und blieb. Während des Krieges diente er in der bosnischen und nicht in der serbischen Armee, allein das macht ihn bei vielen Serben natürlich zum Verräter. Wie ich gelesen habe, war er der einzige Serbe in der bosnischen Armee. Weiß da jemand Genaueres?

Als im Mai 1992 serbische (damals jugoslawische) Truppen Sarajevo verlassen wollten und als ein Austausch von Izetbegovic gegen serbische Gefangene stattfinden sollte, wurde der Konvoi beschossen und im Zuge dessen starben mehrere Menschen. Divjak wird vorgeworfen, den Befehl gegeben zu haben, obwohl auf Videos deutlich zu hören ist, dass er immer wieder schrie: Ne pucaj! (Schießt nicht!).

Nach Divjaks Verhaftung im Jahr 2011 in Wien kam es vor allem in Sarajevo zu Massenprotesten, die forderten ihren "Sarajovo" sofort freizulassen.

Letztendlich wurde die Anklage fallen gelassen, was wiederum Unmut bei den Serben auslöste, die das Bild bestätigt sahen, dass ihnen Unrecht angetan wird und dass die Welt sich nur auf moslemische und katholische Opfer konzentriert. Der Fall in der Dobrovoljacka-Straße ist immer noch umstritten.

Sarajevo my love

Womit wir wieder bei der Frage wären: Ist jeder, der seine eigene Meinung vertritt, der sich nicht dem blinden Nationalismus beugt, der seine Überzeugungen nicht aus Angst aufgibt und Widerstand leistet ein Verräter?

Sarajovo, ein Held?


Jagd auf Jovo

Der Fall Fata

Website von Oggi Tomic





4. Mai 2014

Once upon a byte in some galaksija far far away


Der Galaksija



Wie ihr schon wisst, war ich gestern auf einem Computer Vintage Festival auf dem alte Computer aus Exjugoslawien den Schwerpunkt bildeten. Irgendwo hatte ich mal ein Titelbild der gleichnamigen Zeitschrift Galaksija gesehen, auf dem ein Computer prangte, aber mir war bis vor Kurzem nicht klar, dass Jugoslawien seine eigenen Computer gebaut hat.

Der Besuch war eine lustige Sache, erstens weil ich mich Computer ungefähr so viel interessieren wie der berühmte Sack Reis in China und zweitens weil ich soviel von Programmieren verstehe, wie Sheldon Cooper von zwischenmenschlicher Kommunikation. Und so kam ich mir vor wie Penny in einer dieser Physikvorlesungen.

Ich marschierte in den Vortrag, den ein Zarko Zivanov hielt und fand mich in einem Raum voller Nerds wieder, die auch so aussahen. Ich bin die einzige Frau, dachte ich. Aber dann entdeckte ich eine weitere zwei Reihen hinter mir. Stellt sich heraus, sie ist Zarkos Ehefrau.

Zarko trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck: Once upon a byte und ich frage mich, was noch einmal ein Byte ist und hoffe, ich verstehe überhaupt irgendetwas. Ram, ROM, alles dasselbe für mich.

Hier eine Zusammenfassung:

Zarko Zivanov ist Assistenzprofessor an der Universität in Novi Sad und begeistert sich für Retro-Computer. Er hat ein paar alte Exemplare gekauft, wieder zum Laufen gebracht und würde sie für kein Geld der Welt wieder verkaufen. Immer wieder gegegnet er Menschen in Exju, die diese alten Rechner sehen und ganz verzückt jauchzen: Gleeee, vidiiiiiiiiiii......

Im alten Jugoslawien gab es strenge Import- und Exportbedingungen und es war in den 80ern nur durch Schmuggel möglich an westliche Computer zu kommen und selbst die waren so teuer, dass sie sich nicht jeder leisten konnte. 

1983 hatte Voja Antonic die Idee, Computer der breiten Masse zugänglich zu machen. Fragt mich nicht nach Einzelheiten, ich glaube, es war so, dass er die CPU verwenden wollte, um ein Videosignal zu erstellen, ohne dass komplizierte Schaltkreise notwendig waren. Jeder sollte seinen eigenen Computer im Baukastenprinzip zusammenbauen und ihm eine eigene Optik verleihen. Der ganze Computer ist als open source aufgebaut, sowohl die Hard- als auch die Software. Antonic wendete sich letztendlich an das Magazin Galaksija, und der Home Computer wurde Ende 1983 in einer Sonderausgabe racunari u vasoj kuci vorgestellt. Anfangs hofften alle, es würden sich an die 1000 Exemplare kaufen, aber damals hatten nur sehr wenige Menschen einen Computer zu Hause, so dass Voja verspottet wurde, diese Zahl erschien viel zu optimistisch. Letzten Endes schlug der galaksija ein wie eine Bombe und es verkauften sich über 8.000 Exemplare, nicht zuletzt weil der Computer kräftig beworben wurde. In Radiosendungen konnte man Spiele herunterladen (genau so etwas meine ich, ich habe nicht verstanden, wie das gehen soll und welche Signale oder was auch immer da gesendet wurde, auf jeden Fall hatten nur Computerfreaks Spaß daran).


Quelle


Das Gute an galaksija war, dass eben jeder Käufer sein Exemplar selbst zusammenbauen musste, eine ganze Generation lernte Schemadiagramme zu lesen und zu programmieren, bevor sie am Computer spielen konnte. Es brach so ein Boom aus, dass die Eltern damals schon meckerten: Ispasti ce ti oci, sjedis ispred computera, umjesto da ides van!

Aber learning by doing sozusagen. Hier ein Bild davon:




Im Raum ein Raunen und Ahs und Ohs und bei mir nur Fragezeichen. Die Enthusiasten erzählen und erzählen und immer wieder höre ich: OK, one last thing und es folgt wieder eine Anekdote, die ich nicht verstehe, haha.

An den galaksija konnte man ein Kassettengerät anschließen und über die Kassette wurden dann 0 und 1 gesendet. Der Preis betrug an die 200 DM, was sich damals viele Leute leisten konnten, denn der durchschnittliche Monatslohn betrug an die 600 DM.

Ready Cirilica!

Später folgten der Lola 8, von dem auch das einzig bekannte erhaltene Exemplar zu sehen war. Ich vergaß zu erwähnen, dass die Computer funktionierten! Zarko tippt eigens für den Blog ein Cirilica Ready ein. Die Tastatur ließ sich zwischen Latein und Kyrillisch umschalten und das berühmte @-Zeichen gab es auch schon, es wurde eingesetzt, um Koordinaten einzugeben.

Das Militärunternehmen Ei Pecom stellte den HC Pecom her, der mit einem Militärchip versehen war. Man witzelte damals und auch heute, dass der Pecom einen Nuklearangriff überstehen würde, ein Zuhörer im Saal warf ein, dass der Chip radioaktive Strahlung aushält und auch im All verwendet werden kann. (Sehr fortschrittlich die Jugos?!) Damals wollte man den Pecom prvi domaci microracunar nennen, was du einer Abkürzung von prdomi geführt hätte, und da prd an ein Furz erinnert, sah man davon ab.

Im Anschluss folgen Witze, die ich nicht verstehe und das Publikum schmeißt sich weg vor Lachen. Nach dem Pecom kan der Hobby zr 84 auf den Markt, der ungefähr 300 DM kostete und in Schulen (wie so viele andere) eingesetzt wurde. Man konnte seine Schulprüfungen über ihn abwickeln. Es tauchen Fragen auf ihm auf und dann konnte man zwischen den Antworten A, B C und D wählen, im Anschluss druckte der Computer dem Lehrer gleich die Ergebnisse aus. Ein erst 16-jähriger Junge war auch vom Programmieren begeistert und hatte das Modell ganz alleine entwickelt (!).


Weitere Modelle hießen Misedo 84, Oric Nova 64 oder Ines. Ines wurde beispielsweise an den jugoslawischen Flughäfen zum Ausdrucken der Ticketes und für die Buchungen verwendet. 

Ende der 80er brach schließlich ein Kampf aus, wer die Schulen mit Computern versorgen soll, in den verschiedenen Teilen Jugoslawiens wurden auch verschiedene Modelle eingesetzt. In der Zwischenzeit eroberten aber amerikanische PCs den Markt.

Mikroprozessoren wurden auch nie in Exjugoslawien hergestellt, obwohl das Wissen dazu da gewesen wäre, aber innerhalb eines Unternehmens hatte im Kommunismus jeder etwas zu sagen und Velibor Glisin, der Zarko begleitet, erklärt mir, dass ein einfacher Arbeiter, der sowieso nichts in der Birne hat, schlicht sagte: „A sta ja imam od tog da pravim Mikroprozessoren, bolan?“ Alle Prozesse dauerten lange und so wurden Prozessoren für teures Geld importiert.
Da man aber damals im selben Geldwert etwas exportieren musste, um etwas anderes zu importieren (sehr schlau eigentlich), exportierte eine Firma selbst geflochtene Körbeum die Mikroprozessoren importieren zu dürfen. Sie haben viele, viele Körbe geflochten...



Velibor Glisin & Zarko Zivanov


In den 1990er Jahren kam die heimische Computerproduktion dann vollkommen zum Erliegen, erstens weil der Bürgerkrieg wütete und zweitens weil Jugoslawien mit Sanktionen belegt wurde.

Dabei war Jugoslawien eines von fünf Ländern weltweit, das bereits in den 1960ern Computer herstellte. Heute sind Fachkräfte aus Exjugoslawien immer noch gefragt, was das Thema IT angeht, wie mir Zarko und Velibor versichern, sie verdienen mehr als der durchschnittliche Angestellte und arbeiten mit internationalen Unternehmen zusammen.

Heute gibt es wie gesagt kaum noch erhaltene Exemplare der alten Computer und Dokumentation erst recht nicht.

Zarko hatte das technische Museum in Belgrad mehrmals angeschrieben, aber es antwortet nicht. Er möchte hinfahren und die Verantwortlichen erwürgen, weil er nicht einmal eine Antwort erhält.
Ja, so ist das in Exju, sich bloß nicht zuviel Arbeit machen.

Aber es gibt Emulatoren, was auch immer das sein soll. 

Hier ein paar Links:

 Galaksija

Once upon a byte

http://emulator.galaksija.org/







3. Mai 2014

Die Tigerfrau - eine große Balkansaga?






Zu gerne würde ich den internationalen Lobpreisungen Recht geben und in den allgemein positiven Kanon einstimmen.

„Die große amerikanische Balkan-Saga. Téa Obreht erlöst den westlichen Literaturbetrieb mit ihrem kraftvollen Roman aus seiner großen Flaute“, schreibt die Zeit. Weiter heißt es: „Kein anderes Buch wurde im vergangenen Jahr von der englischsprachigen Kritik euphorischer aufgenommen als ihr nun auf Deutsch vorliegender Roman Die Tigerfrau. Wenige haben sich so gut verkauft. Als jüngste Autorin überhaupt erhielt sie den britischen Orange Prize of Fiction.“

 

Der Focus erwähnte die Autorin in einem Atemzug mit Gabriel Garcia Marquez und es fallen immer wieder Worte wie „spectacular debut“ und so weiter und so fort. Man wird keine Kritik finden, in der das Buch schlecht abschneidet, bis auf jetzt meine vielleicht.  Schade, sehr schade, mein Problem mit dem Buch beginnt bereits bei der deutschen Übersetzung des englischen Titels „The tiger´s wife“, was übersetzt wurde mit „Die Tigerfrau“, eigentlich müsste es jedoch heißen „Die Frau des Tigers“, was ja immerhin einen Unterschied ausmacht, der sich auch dann als relevant herausstellt, wenn man das Buch gelesen hat.

 

Aufgrund der Lobeshymnen habe ich das Buch anfangs gierig verschlungen, obwohl ich gleich zu Beginn nicht in den Lesefluss gekommen bin. Die positiven Kritiken haben die Seiten umblättern lassen, nicht das Buch selbst war es.

 

Der Roman handelt von Natalia Stefanovic, die sich als Ärztin auf den Weg macht, um Kinder in einem Waisenhaus zu impfen. Sie erfährt unterwegs vom Tod des Großvaters, der in einem Ort fernab seiner Heimat verstorben ist. Die Großmutter fragt Natalia am Telefon, was er da wollte und der Leser wittert schon ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt.

 

Im Folgenden spielt die Handlung in mindestens drei oder vier Strängen, so genau weiß man es irgendwann selbst nicht mehr. Natalia befindet sich in der Gegenwart, sie erinnert sich dann an ihre Kindheit, ihre Teenagerzeit und ihre Studienzeit zurück. Dann erzählt der Großvater Rückblenden aus seinem Leben, aber dann werden auch die Geschichten eher unwichtiger Nebenfiguren erzählt.

 

Ein Magazin titelte, das Buch zeige die Schrecken des Balkankrieges auf, der Krieg wird aber nur beiläufig erwähnt und von Schrecken habe ich auch nichts bemerkt.

 

Es scheint einfach, als ob niemand, der das Buch so über den grünen Klee lobt, es auch wirkich gelesen hat.

 

Aber zurück zur Geschichte: Natalias Großvater war auch Arzt und nahm Natalia immer in den Zoo zu den Tigern mit, später erfährt der Leser, dass er als Kind in einem verlassenen Bergdorf gelebt hat, das von einem Tiger heimgesucht wurde, der aus dem Zoo ausgebrochen ist, nachdem der Zoo im Krieg (wohl der Zweite Weltkrieg) beschädigt wurde.

 

In diesem Bergdorf lebt die taubstumme Tigerfrau. Sie ist die Frau des Dorfschlachters und Metzgers Luka, der eigentlich die Schwester der Tigerfrau heiraten wollte, aber die brennt mit einem anderen durch und das ist das Einzige kurz Spannende an der Geschichte.

 

Luka ist sensibel, er möchte der beste Guslaspieler werden, aber sein grausamer Vater, seine unerwiderte Liebe und das Scheitern als Musiker brechen ihn und lassen ihn ebenfalls grausam werden. Er misshandelt seine junge moslemische Ehefrau, die den Dörflern allein schon wegen des anderen Glaubens suspekt ist. Jedenfalls bedient der Tiger sich in Lukas Räucherkammer am Fleisch. Dort trifft Natalias Großvater das erste Mal auf den Tiger. Er weiß, was ein Tiger ist, weil der das Dschungelbuch gelesen hat und später wird dieses Buch zu seinem ganz persönlichen Begleiter. Die Leute im Dorf fürchten sich vor dem Tiger und wollen ihn erlegen, nur Natalias Großvater (dessen Namen wir auch nicht erfahren, sofern ich mich erinnere) und die Tigerfrau sehen etwas Besonderes im Tiger und möchten ihn schützen. Natalias Opa zeichnet der Tigerfrau das Dschungelbuch in die Herdasche und freundet sich mit ihr an, obwohl sie weder sprechen noch hören kann. Eines Tages kommt der Jäger Darisa in den Ort, dessen Figur auch unnötig lange ausgeschmückt und ausgeleuchtet wird, was letztendlich nichts zur Sache tut.

 

Darisa, Luka und der Hufschmied sollen den Tiger töten, der sich in den Bergen versteckt. 

 

Und dann ist da noch der Mann, der nicht sterben kann, Gavran Gaile. Natalias Großvater trifft ihn, als er dann schon als erwachsener Arzt Tuberkulosefälle in einem Dorf behandeln soll. Gavran hat seinen Onkel, den Tod höchstpersönlich, einmal über´s Ohr gehauen und kann seitdem nicht sterben. Der Grund war natürlich eine Frau, wie soll es anders sein. Stellenweise wird Gavran sogar für einen Vampir gehalten. Gavran trinkt mit anderen Kaffee aus einem Fildjan und sagt ihnen dann voraus, ob sie sterben werden. Das ist sein einziger Job.

 

Diese Figur taucht immer wieder auf, der Tod spielt im Roman eine große Rolle und man merkt, dass Frau Obreht so den Tod des Großvaters irgendwie verarbeiten möchte. Immerhin hatte sie ihm auf seinem Sterbebett versprechen müssen, ihre Werke unter seinem Nachnamen zu veröffentlichen.

 

Ich hatte das Gefühl, dass sie aber ab einem gewissen Punkt die Kontrolle über die Handlung verloren hat. Sie hat früher nur Kurzgeschichten geschrieben und dann machte sie den Fehler, den viele Neulinge machen: Ich nehme mehrere Zeitebenen und viele Figuren und dann ist der Roman schön komplex.

 

Leider ging das nicht ganz auf. In einem Interview gesteht sie selbst, dass sie noch nicht einmal genau wusste, wie der Roman endet, als sie begonnen hat, zu schreiben und dass die Handlung sich irgendwann verselbständigt hat. Und so liest sie sich auch. Die Autorin hat sich von der Handlung tragen lassen und hat sich so weit in ihr verstrickt, dass sie nicht zurück zum roten Faden gefunden hat. Die Geschichte wuchert irgendwann aus und ist dann vorbei. Ganz plötzlich beendet Obreht das Buch und schreibt die Figuren einfach "weg", sowohl die Tigerfrau, als auch Luka verschwinden einfach zappzarapp und es wird gar keine Erklärung geboten. Der Leser kann sich ja selbst Gedanken machen.

 

Die letzten Kapitel habe ich auf der Fahrt von Bosnien nach Deutschland gelesen und ich war etwas müde. Plötzlich war der Roman zu Ende und ich dachte: Huch, war ich so müde, dass ich jetzt das Wesentliche verpasst habe? Ich blätterte einige Zeit hin und her, konnte aber die Essenz des Ganzen nicht finden.

 

Ich blieb irgendwie etwas verdutzt zurück.

 

Es klärt sich letztendlich nicht, was der Großvater in diesem Ort wollte, in dem er starb. Was suchte er in dieser Klinik? Darauf habe ich doch seit Beginn des Buches gewartet. Wenn jemand das herausfindet, dann bin ich gerne bereit, das hier zu revidieren.

 

Wie hieß die Tigerfrau? Wieso wird jeder Charakter detailreicher ausgeschmückt, als die Namensgeberin des Buches? Wieso war der Großvater so besessen vom Tiger? Liebte er die Tigerfrau? Was passiert mit dem Mann, der nicht sterben konnte? Wie ist es mit der Tigerfrau weitergeganen, sie ist schwanger und verschwindet dann. Wer hat sie geschwängert? Na der Tiger sicher nicht?! (->Frau des Tigers?!) Oder doch? Was um Himmels willen ist die Pointe? Worum geht es eigentlich?

 


 
Tea Obreht hätte das Buch genauso gut anders benennen können, die Tigerfrau nimmt nicht mehr Gewicht ein, als der Mann, der nicht sterben kann. Und wer war der Mann in dem Haus, der die Knochen einsammelt? War es Gavran? Was soll die Geschichte über das Haus am See? Es spielt überhaupt keine Rolle für die Handlung. Fragen über Fragen.

Aber wieso gab es so einen Hype um das Buch? Nun, die Autorin kann schön schreiben, sie formuliert das Buch teilweise als eine Art Märchen, in dem die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen. Magischer Realismus nennt sich das. Stellenweise schreibt sie so poetisch, dass man sich in einem Gedicht wähnt, das hat dazu beigetragen, dass der Roman ein modernes Balkanmärchen genannt wird, in dem viele Folkloreelemente auftauchen. Tea Obreht lebte nach ihrer Zeit in Jugoslawien auch in Ägypten, wo es auch Tradition ist, Mythen mündlich weiterzugeben, teilweise hat sie sogar Teile aus germanischen Sagen übernommen. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Natalia in Belgrad aufgewachsen ist und auch Sarajevo kommt vor, aber die Orte haben im Buch andere Namen, sodass die Geschichte noch mehr wie eine Sage und nicht nach dem wahren Jugoslawien klingt.  

 

Wer also einen Märchenroman lesen möchte, der durch seine Sprache fasziniert (auch die deutsche Übersetzung finde ich gut gelungen), der möge das Buch kaufen. Wer sich aber einen Roman wünscht, dessen Handlung Substanz hat und auch aufgelöst wird, der wird enttäuscht werden. Das Buch ist wie Sex ohne einen Höhepunkt, zwar ganz nett, aber man hätte sich insgeheim mehr erwartet.



Zitate:
“But children die how they have been living-with hope. They don't what is happening, so they expect nothing, they don't ask you to hold their hand-but you end up needing them to hold yours.”

“The dead are celebrated. The dead are loved. They give something to the living. Once you put something into the ground, Doctor, you always know where to find it." 

“In the end, all you want is someone to long for you when it comes time to put you in the ground.”