20. September 2012

Sind wir endlich da? oder Kad ćemo stići?

Der Monarchfalter ist ein Schmetterling in orange und schwarz. Jedes Jahr legt er tausende von Kilometer zurück, um Nordamerika zu verlassen und um in Mexiko zu überwintern. Millionen Tiere fliegen quer durch die USA und überall, wo sie sich niederlassen, verleihen sie Bäumen, Sträuchern und Häusern Flügel. Es ist ein Naturschauspiel voller Zauber. Eine „Wanderung ähnlichen Ausmaßes fand früher mehrmals jährlich auf deutschen, österreichischen und jugoslawischen Straßen statt.

Es passiert nicht oft, dass ich ein Buch lese und Jugoslawien wird erwähnt, aber da stand es. Schwarz auf weiß und unmissverständlich: „....so war Jugoslawien der Vorhof zur Hölle."
Der Vorhof zur Hölle?
Bis dahin hatte mir Hatice Akyüns Buch Einmal Hans mit scharfer Soße gefallen.
Ihre Eltern waren eingewandert so wie meine und so wie wir mussten die Akyüns sich einmal oder mehrmals im Jahr auf eine lange Reise begeben, um die Heimat zu besuchen.
Koffer, Tüten (vorzugsweise mit ALDI-Aufdruck), blau-weiß karierte Plastiktaschen sowie Unmengen von Shampoo, Waschmittel und Nutella wurden eingepackt. Wir Kinder saßen auf Fernsehern, VHS-Recordern, die unter Decken versteckt waren und kämpften gegen die Reiseübelkeit. Ich weiß noch, wie Mama immer erzählte, dass sie einen Fernseher im Fußraum deponiert hatten und pünktlich an der Grenze erschallte es von hinten: „A gdje je rizor?“ (Wo ist der Fernseher?) Obwohl rizor kein richtiges Wort ist und ich eigentlich televizor meinte, fiel der wie wir in Bayern sagen Watschnbaum um und ich fing mir eine. Das folgende Geplärre war auch dem Zollbeamten zuviel und so passierten wir, ohne dass der Rizor entdeckt wurde.

Ja, die Fahrt war anstrengend, ja wir schrien schon kurz nach dem Aufbruch: „Kad ćemo stići?“ Sobald der obligatorische Stopp in Österreich zum Wiener Schnitzel-Essen bei Monika vorbei war, wurde es wirklich ungemütlich.

Ich erinnere mich an Serpentinen und Abgründe, die mir erschienen wie im Grand Canyon.
Mein Papa fuhr früher Bus und lenkte selbst die doppelstöckigen Busse rauf und wieder runter vom Berg. Wir Kinder kotzten viel und schliefen kaum.

Dabei hatten wir es noch gut. München-Banja Luka war eine Strecke von humaner Länge.
Meine Cousins, die mit ihren Eltern in Schweden wohnen, krümmten sich auf der Rückbank zusammen, steckten ihre Beine dahin, wo gerade Platz war und mussten sich beim Zwischenstopp bei uns erst einmal auseinanderfalten.

Für uns war Jugoslawien gleichbedeutend mit Ferien, Natur und Freiheit und kein Vorhof zur Hölle.

Dennoch war mir bis vor Kurzem nicht klar, wie gefährlich diese Reise nach Hause war oder sein konnte.

Ich wusste nicht, dass es eine Gastarbeiterroute gab, dass Millionen von Gastarbeitern dieselbe Strecke zwischen München über Salzburg zum Grenzübergang Spielfeld nutzten.

Jeden Sommer und zu anderen Ferienzeiten bewegte sich eine Blechlawine mit unzähligen Automobilen in Richtung Jugoslawien. Nicht nur Jugos nutzen die Straße, sondern auch Türken, Griechen und alle, die an der Adria Urlaub machen wollten.

Das pure Chaos brach aus und somit hatte Hatice Akyün vielleicht nicht ganz Unrecht.
Im Zuge des Gastarbeiterabkommens waren immer mehr Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, nur leider waren die Straßen für die hohen Passagierzahlen nicht ausgelegt. Ein Stau war noch das kleinste Problem, viel tragischer ist, dass es jährlich zu schweren Unfällen mit Todesopfern kam.

1975 waren Österreich und Jugoslawien die Länder mit den meisten Unfalltoten. Erstmals waren Probleme aufgetaucht als um Weihnachten 1969 herum ein Tumult am Grenzüberganz Spielfeld ausbrach, der nur durch einen militärischen Einsatz aufgelöst werden konnte.

Wir standen auch oft im Stau und mein Vater hatte sich sicher gewünscht, meine Mutter hätte eine Packung Waschmittel weniger eingepackt, als der Wagen wieder am Hang anfuhr.
Man konnte nämlich grundsätzlich nicht aus dem Rückfenster sehen, da sich das Gepäck bis an die Decke stapelte.

Aber als wir endlich in Bosnien ankamen, waren alle Strapazen vergessen. Wir wussten bei welchem kleinen blauen Haus Papa nach rechts in unser Dorf abbiegen würde. Hinter uns lag der ribnjak, er sah aus wie das Meer und als ich klein war, dachte ich, das sei er auch. Wir fuhren einen Hügel hoch, vorbei an der verschlafenen Idylle bis rauf zu unserer Straße. Sie war damals ungeteert und schmal.
Das bife (kleines, einfaches Café) stand dort, der dom kulture und ein Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges. Dann, dort am Ende der Straße, stand unser Haus und davor saß Lassie. Unser kleiner Hund, der ansonsten bei meiner Tante wohnte. Er hatte gemerkt, dass wir kommen würden und wartete auf uns und auf sein Vanilleeis beim bife. Am nächsten Morgen weckte Papa uns mit der šargija. Es schien als sei auch der deutsche Stress von ihm abgefallen. Er sah aus wie ein Tier, das man endlich wieder in seine gewohnte Umgebung gesetzt hatte.
Sargija:
Ein ottomanisches Instrument 

Heute gibt es die klassische Gastarbeiterroute nicht mehr. Teils weil der Krieg in Jugoslawien ausbrach und viele Abschnitte nicht befahren werden konnten, teils weil die Gastarbeiter heute nun so viel verdienen, dass sich kein Türke wirklich freiwillig in ein Auto setzt, um nach Adana zu kommen, er nimmt lieber den Flieger.

Aber meine schwedischen Verwandten, die fahren noch Auto.

Sneki

Bildquelle: Einestages, Spiegel.de

Weitere Infos  Gastarbeiter-Route: http://www.yolculuk.de/

šargija: http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%A0argija

Einmal Hans mit scharfer Soße: Der scharfe Hans





 

Jugoschwabo

Als ich klein war und gefragt wurde:„Wie gut kannst du Jugoslawisch?“ antwortete ich immer: „Sehr gut, besser als Deutsch. Das ist meine Muttersprache!", denn bei uns daheim wurde nie Deutsch gesprochen.
Alle deutschen Haushalte, in denen Immigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien wohnten, lagen meiner Meinung nach auch in Deutschland. Alle? Nein, nur unserer nicht. Eine kleine Wohnung in Bayern und ein Jugo aus Bosnien leisten weiter Widerstand.
„U ovoj kuci se govori Jugoslovenski!" (In diesem Haus wird Jugoslawisch gesprochen) pflegte mein Papa zu sagen. Auf den Einwand:„Ali tata mi zivimo u Njemackoj!" (Aber Papa, wir leben in Deutschland!" sagte er stets:„Ovaj stan je teritorija Jugoslavije." (Diese Wohnung ist jugoslawisches Staatsgebiet). Damit war die Diskussion beendet.

Jahre später bin ich ihm dankbar, dass er so konsequent war und meine Schwester und mich animierte, unsere Muttersprache zu sprechen, auch wenn die Sprachfertigkeit nie an das Deutsche herankommen würde.

Irgendwann um das Jahr 2003/2004 beschloss ich mit zwei Freundinnen, meine Kenntnisse aufzupolieren. Wir nahmen Privatunterricht bei einem Dozenten, der Jugendlichen das korrekte Serbokroatisch näher brachte.
 Ich weiß noch genau, dass es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Ich hatte keine Ahnung von dieser Sprache, ich war blank, blanker, am blänkesten und konnte froh sein, dass mich meine Freunde in Jugoslawien nicht auslachten. „Das Plankton schwebt schwerelos in den Tiefen des Ozeans.“ stand auf meinem Papier und ich sollte den Text in das Jugoslawische übersetzen.

Genauso gut hätte er mich fragen können, ob ich den Text vielleicht schnell in das Koreanische  übertragen könnte. „Was heißt denn Plankton?, dachte ich. Na, wenn ich Glück habe, dasselbe. Und „schweben“? Nicht die leiseste Ahnung. Ich teile dem Lehrer also mit:„Ja ne pričam dobro, tekst je previše težak“ (Ich erzähle nicht so gut, der Text ist zu schwer). Den Kurs habe ich irgendwann aufgegeben, aber ich habe gelernt, dass es heißt: „Ja ne govorim dobro“, denn „pričati“ heißt „erzählen“, während „govoriti“ „sprechen“ heißt.

Ähnlich ging es mir in Gesprächen über die Herkunft. Irgendwann stellt jeder Jugo die Frage:„Odakle si?“ (Wo kommst du her?) und damit meint er nicht, wo du in Deutschland wohnst, sondern in Ex-Yu.
Wenn mein Gegenüber nicht gerade in den großen Hauptstädten wohnte, wusste ich wirklich nicht, wo zur Hölle sein kleines Dorf lag. „Ich komme aus Petrinje“ rief bei mir nichts hervor. „Das ist bei Sisak.“ Es klingelt immer noch nicht. Sisak hätte in Kroatien, in Serbien, am Meer oder in den Bergen liegen können.

Ich wusste einfach so gut wie nichts über das Geburtsland meiner Eltern. Ich war nie in einer dopunska skola, nie beim Folklore-Tanzen und nie wirklich länger in Jugoslawien als 2-3 Wochen am Stück.

Ich war also ein Jugoschwabo, kein Gastarbeiter, der erst Deutsch lernen muss und zusehen muss, wie er sich integriert. Nein, ich war Deutsche mit Jugo-Wurzeln, die über diese Wurzeln nur rudimentär Bescheid wusste.
Die besser Deutsch kann als Jugoslawisch und die nie dort unten gelebt hat und je älter ich werde, umso mehr möchte ich über diese roots wissen. Über die Menschen, die Kultur, die Mentalität, die Sprache und alles, was mit Ex-Yu in Verbindung steht.
Dabei soll mir dieser Blog helfen. Ich hoffe, ihr mögt ihn.

Willkommen beim Jugoschwabo:-)

Sneki

P. S. Plankton heißt tatsächlich auch plankton und schweben heißt lebditi.